Vom Therapeutendasein und der Verantwortung

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Viele Menschen sind im Umbruch. Ob das mit dem viel zitierten Wassermann-Zeitalter zusammenhängt oder nicht, keine Ahnung (ich bin selbst auch Wassermann, weiß es aber trotzdem nicht). In diesem Umbruch zieht es viele Menschen aus “normalen” Berufen in einen Helfer-Beruf. Davon habe in der Vergangenheit nicht zuletzt auch ich profitiert.

Viele von denen, die ich in den letzten 18 Jahren ausgebildet habe, nehmen diesen Beruf mit großer Verantwortung wahr. Ja, sie waren vermutlich schon vorher echte Heiler, auch als Schreiner, Gießereimeister, Automechaniker oder Lehrer.

Bei anderen wiederum habe ich manchmal das Gefühl, sie betrachten den Beruf des Therapeuten als ein Spiel, aus dem man jederzeit wieder aussteigen kann, wenn einem die Regeln nicht mehr passen. Aufs Risiko hin, dass ich ein paar Kunden verliere, sage ich jetzt einmal klar und deutlich:

Therapeut sein ist kein Spiel, sondern eine Lebensaufgabe.
Und jeder, der diesen Beruf ausüben will, sollte vorher mit sich und seinem Leben im Reinen sein.
Ein Therapeut, der glaubt, mit Halbwahrheiten, Lebenslügen und großen emotionalen Defiziten leben zu können, täuscht sich.
Er wird sich, bewusst oder unbewusst, das, was ihm fehlt, bei seinen Klienten holen. Im “besten” Fall merken es die Klienten, und zwar dann, wenn es körperlich spürbar ist.
Vielleicht ist es sogar noch schlimmer, wenn es “nur” auf seelisch-emotionaler Ebene geschieht. Denn dann ist es leider nicht nachweisbar.

Wer sich in systemischer Arbeit auskennt, der weiß: Die Energie fließt von den Eltern zu den Kindern. Jeder Versuch, den Energiefluss umzudrehen, führt zu sehr viel Leid bei allen Beteiligten. Auch in einem therapeutischen Setting sollte der Energiefluss klar sein. Die Energie fließt vom Therapeuten zum Klienten. Der Therapeut bekommt Energie zurück in Form von Geld. Wenn er zusätzlich irgendwelche “Streicheleinheiten” verlangt, ist das emotionaler Missbrauch.

Wenn der Klient mich am Ende einer Sitzung aus Dankbarkeit umarmen will, darf er das gerne tun. Wenn ich aber auf diese Umarmung angewiesen wäre oder gar selbst die Initiative zur Umarmung ergreifen würde, hätte ich ein Problem.

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