Regulationsmedizin


Was ist Regulationsmedizin?

Der Versuch von Hans-Peter Zimmermann, zu erklären, warum es in der Medizin keine Heilversprechen geben darf…


 

“Können Sie mir garantieren…”

Vor einiger Zeit rief mich ein Mann an, der ziemlich aufgebracht wirkte. Er sei schon bei einer Unzahl von Ärzten und Heilpraktikern gewesen, habe Unsummen von Geld ausgegeben, und nichts habe geholfen. Alle schwafelten sie etwas von vegetativer Dystonie, psychosomatischen Ursachen und essentieller Hypertonie, aber keiner könne ihm helfen. Wenn ich für meine Hypnotherapie schon so viel Geld verlangte und keine Krankenkasse das bezahle, dann wolle er eine Garantie, dass es wirke. Er sei schließlich Bauschreiner, und wenn er am Bau arbeite, müsse es am Schluss auch so aussehen, wie der Architekt es geplant habe.

Ganz nebenbei: In solchen Vorwürfen klingt natürlich ein Pauschal-Urteil gegen sämtliche Therapeuten mit. Vermutlich hätte der Mann am liebsten gesagt: “Alle Therapeuten sind inkompetente Abzocker, und Sie sind einer von Ihnen. Jetzt helfen Sie mir endlich!” Dass das nicht die besten Voraussetzungen für eine fruchtbare Therapeuten-Klienten-Beziehung sind, ist vermutlich jedem klar. Aber das ist noch nicht einmal das Hauptproblem…
 

Keine lineare Ursachen-Kette

Der Mann geht davon aus, dass die Medizin genau so funktioniert wie seine Arbeit am Bau, d.h. dass der Organismus für jede Störung eine lineare Ursachen-Wirkungs-Kette aufweise:

Regulationsmedizin Diagramm 1

Leider denken auch zahlreiche Schulmediziner so, obschon man ihnen schon während des Studiums immer wieder erzählt hat, die Medizin sei keine exakte Wissenschaft. Nun, es wäre schon viel erreicht, wenn die Schulmediziner wenigstens die einzelnen Störungen zurückverfolgen würden bis zur eigentlichen Ursache. Aber ich höre von meinen Klienten leider immer wieder haarsträubende Storys, was das angeht.

Beispiel: Eine Frau ist müde und depressiv. Es wird eine Schilddrüsen-Überfunktion festgestellt, und weil der Arzt zufälligerweise Chirurg ist, schnipselt er der guten Frau ein Stück der Schilddrüse weg. Jetzt leidet sie unter Schilddrüsen-Unterfunktion, muss Hormone zu sich nehmen und hat die schlimmeren Probleme als vorher. Auf die Idee, zu untersuchen, warum die Schilddrüse hyperfunktioniert hat, ist der Arzt gar nie gekommen.

Aber selbst wenn er das getan hätte, wäre er immer noch ein mittelalterlich denkender Arzt. Denn unser Körper scheint anders zu funktionieren…

 

Vernetzter Organismus

Nach den Erkenntnissen der Neuen Medizin gibt es für jede Funktion im Körper mehrere Regelkreise. Solange die Mehrheit dieser Kreise funktioniert, können kleinere Störungen aufgefangen werden, d.h. der Körper bleibt symptomfrei oder zeigt nur vorübergehende Störungen. Das Gleichgewicht sämtlicher Körperfunktionen und das Funktionieren der Regelkreise wird übrigens Homöostase genannt. Ganzheitlich denkende Mediziner haben immer die Homöostase zum Ziel und nicht bloß die Abwesenheit von Krankheits-Symptomen.

Regulationsmedizin Diagramm 2

 

Erst wenn praktisch sämtliche Regelkreise ausfallen, können Störungen nicht mehr korrigiert werden und der Körper wird krank. Man spricht dann von gestörter oder blockierter Regulation:

Regulationsmedizin Diagramm 3

 

Warum viele Wege nach Rom führen…

Dieses Modell macht auch anschaulich, dass es für jede Störung mehrere Therapie-Ansätze gibt, die zum Ziel führen können. Nehmen wir als Beispiel das folgende Beschwerdenbild:

  • Chronische Müdigkeit
  • Depressive Verstimmungen
  • Verdauungsprobleme
  • Neuralgische Schmerzen in den Extremitäten
  • Belegte Zunge
  • Chronische Halsschmerzen

Ein Schulmediziner der alten Garde wird hier versuchen, mit allen möglichen chemischen Mitteln einzugreifen, um die Symptome so rasch als möglich zum Verschwinden zu bringen. Mit dem Resultat, dass der Patient ein halbes Jahr später mit einem neuen Beschwerdenbild in der Praxis erscheint.

Der Komplementär-Mediziner, d.h. derjenige Arzt, der die Schulmedizin mit der Naturheilkunde kombiniert, wird möglicherweise folgende Ursachen diagnostizieren:

  • Zahnherd (Zahnwurzelgranulom, das einen Meridian stört)
  • Cadmium-Belastung durch Rauchen
  • Palladium-Belastung (durch Zahnkronen)
  • Neurotische Fehlhaltung
  • Strukturelle Blockade in der Lendenwirbelsäule

Am sinnvollsten ist es natürlich, wenn sämtliche Ursachen systematisch beseitigt werden. Das ist jedoch nicht immer möglich. Zum Beispiel muss auf eine Zahn-Sanierung aus finanziellen Gründen oft erst einmal verzichtet werden. Es kommt jedoch vor, dass, wenn erst einmal alle anderen Ursachen beseitigt wurden, der Körper mit diesem einen Störfeld mühelos umgehen kann.

 

Also doch eine Garantie?

Falls Sie meine Erklärungen nachvollziehen konnten, kommen Sie vielleicht in Versuchung zu sagen: “Wenn einer so fortschrittlich arbeitet, dann müsste es ihm doch möglich sein, eine Heil-Garantie abzugeben!”

Ich finde, wir dürfen eines nicht außer Acht lassen, und das ist der weltanschauliche Aspekt. Wenn wir davon ausgehen, dass wir Menschen einfach nur Maschinen sind, die reibungslos zu funktionieren haben, dann ist der Ruf nach einer Garantie verständlich.
Die alten Hawaiianer gehen jedoch davon aus, dass es ein Höheres Selbst gibt, also eine Instanz, die unseren Lebensplan kennt, und die sich ab und zu einer Krankheit bedient, um uns auf Missstände aufmerksam zu machen. Wer jederzeit bereit ist, sich diese Missstände anzuschauen und gegebenenfalls zu korrigieren, der kann sich quasi selbst ein Heilversprechen abgeben. Wer dazu nicht bereit ist und den Therapeuten nur wie einen Werkstattleiter betrachtet, der gefälligst das defekte Teil zu reparieren hat, der hat meiner Meinung nach auch keine Garantie verdient.