Walter 2


Bei Walter ist alles möglich

Hans-Peter Zimmermann über die Ansichten seines Freundes Walter in Sachen Motivation und Marketing…


 

Ich war gerade von einem Seminar mit der amerikanischen Motivations-Trainerin Pony Robinson zurückgekehrt und noch voll guter Dinge, als ich meinen Freund Walter zu einem Clausthalerchen traf. Das kommt jetzt immer öfter vor; fragen Sie mich nicht warum.

“Na, wie war’s?” wollte Walter wissen.

“Absolute Spitze!” gab ich wahrheitsgemäß zur Antwort. “Das war das Beste, was ich je in meinem Leben gemacht…”

“Moment, darf ich raten?” unterbrach mich Walter. “Ihr seid über glühende Kohlen gelaufen?”

“Nein, über Scherben.” korrigierte ich. “Und es tat überhaupt nicht weh!”

“Und wie erklärst du dir das?” fragte Walter weiter.

“Na ja”, versuchte ich zu erklären, “das ist vermutlich wegen den Endorphinen.”

“Endorphine? Sind das die Artgenossen der Delphine, dieser armen Tiere, die irrtümlicherweise in den Netzen der Thunfischfänger hängenbleiben und eigentlich die heimlichen Herrscher dieser Erde sind, und jeder, der einmal mit einem Delphin geschwommen ist, hat einen ganz verschwommenen Blick?”

“Walter!” rief ich. “Geht wieder mal dein Temperament mit dir durch? Endorphine sind Glückshormone, die der Körper produziert, wenn du positiv denkst! Und die machen dich völlig unempfindlich!”

Walter war wieder einmal der Sarkasmus in Person. “Du meinst unempfindlich gegenüber der Tatsache, dass die Scherben alle mindestens so stumpf sind wie der Seminarleiter?”

Langsam wurde es mir zu bunt. “Also, was hast du eigentlich gegen Motivations-Trainings?”

“Nichts”, gab er zur Antwort. “ich frage mich nur, was das für Menschen sind, die man motivieren muss.”

“Hast du noch nie einen Tag erlebt, an dem du seelisch völlig durchgehangen bist?” fragte ich.

“Doch”, gestand Walter, “aber es wäre mir noch nie in den Sinn gekommen, mir die Motivation bei einem Menschen zu holen, der ebenfalls durchhängen würde, wenn nicht gerade dreihundert Seminarteilnehmer auf ihn warten würden.”

“Also, das mag ja bei gewissen Trainern stimmen. Aber bei Pony Robinson kannst du das vergessen. Die ist über dieses Stadium hinaus!” wehrte ich mich.

“Und woher willst du das wissen?” sagte Walter schnippisch.

“Weil sie’s uns gesagt hat, vor zweitausend Zeugen!” gab ich zur Antwort. “Und sie hatte dieses Mikrofon vor dem Mund, und sie hat ganz leise und eindringlich gesprochen. Und wenn wir alles tun, was sie uns erzählt, dann wecken wir den Riesen in uns und alles ist möglich!”

“Du meinst ALLES?” fragte Walter nach.

“ALLES!” sagte ich im Brustton der Überzeugung.

“Auch Selbstüberschätzung, Größenwahn und Konkurs?”

“Ach hör’ schon auf!” winkte ich ab. “Du weißt, wie ich das meine.”

“Und was ist”, holte Walter erneut aus, “wenn der Riese in dir eine Nummer zu groß ist für dich?”

“Dann…” ich suchte verzweifelt nach einer Antwort. “Dann… gibt es dafür ein Fortsetzungs-Seminar.”

Walter lachte lauthals auf, und irgendwie war mir nicht so wohl dabei.