Walter 3


Walter und die Weltliteratur

Hans-Peter Zimmermann über die Ansichten seines Freundes Walter in Sachen Belletristik…

 


 

Es hatte alles ganz nett begonnen, nämlich mit einer Einladung von Franz Kugler und seiner philippinischen Frau, deren Namen ich leider immer noch nicht aussprechen kann. Dummerweise sagte Franz, ich dürfe außer meiner Frau auch meinen Freund Walter mitbringen, von dem er schon so viel gehört habe, und das müsse ja ein ganz interessanter Mensch sein.

Ganz nebenbei: Welche Kriterien muss man eigentlich erfüllen, um ein interessanter Mensch zu sein? Von mir erwartet man auch, dass ich ein interessanter Mensch bin, und so toll ist das gar nicht. Man wird die ganze Zeit zu irgendwelchen Mahlzeiten eingeladen, und die Leute starren einen dann ganz fragend an. So, als ob sie sagen möchten: “Hey, man hat uns gesagt, du seist ein interessanter Mensch. Jetzt zeige mal, was du kannst!”

Ich bin in solchen Momenten immer das Gegenteil. Aus Trotz. Mir schreibt keiner vor, wann ich interessant zu sein habe und wann nicht! Und seit ich vor drei Jahren das Alkoholtrinken vollständig aufgegeben habe, bin ich auf der Interessantheits-Skala sowieso um einige Stufen tiefer gerutscht. Eigentlich unverständlich, denn wenn die Gastgeber an mir eine Flasche Wein und drei Schnäpse sparen können, ist das doch finanziell ganz interessant…

Aber zurück zu Walter. Er war an besagtem Abend mehr als interessant. So richtig loslegen konnte er, nachdem er den Beruf von Franz Kugler erfahren hatte. Franz ist nämlich Professor für Deutsche Literatur.
“Aha, ein Schund-Experte!” rief Walter aus. Und er war noch nicht einmal angetrunken.
“Nein, Walter,” versuchte ich rettend einzugreifen, “nicht Schund, Weltliteratur!”
Doch es war, wie ich befürchtet hatte. Walter war bereits nicht mehr zu bremsen.
“Weltliteratur?” fragte er spöttisch nach. “Ja, das würde mich jetzt mal interessieren, Herr Kugler, was sind eigentlich die Kriterien für Weltliteratur?”
“Ich heiße Franz,” fiel es Franz Kugler ein, und ich wusste natürlich, dass er damit erst einmal der Frage ausweichen wollte. “Prost Walter!”
“Prost Franz!” sagte Walter, nahm flink einen Schluck von dem Rotwein, den er mit der üblichen Gebärde lobte, und kam sofort zurück zum Thema. “Eben, Franz, Weltliteratur. Die Kriterien?”
“Ööööhmmm, gute Frage. Da muss ich nachdenken.”
“Was?” foppte Walter. “Haben Deine Studenten Dir diese Frage noch nie gestellt?”
“So direkt eigentlich nicht,” entgegnete Franz leicht verlegen. “Aber literarische Qualität kann man durchaus messen.”
“Ah ja, kann man das?” sagte Walter mit spöttischem Unterton. “Und wie kommt es dann, dass bei einer literarischen Diskussionsrunde die Hälfte der sogenannten Experten ein Werk absolute Spitze findet, während die andere Hälfte das gleiche Werk als Schund bezeichnet?”
“Na ja,” meinte Franz sichtlich erleichtert, da er offenbar glaubte, wieder Oberhand zu gewinnen, “Literatur ist natürlich auch Geschmackssache. Entweder ein Werk gefällt oder es gefällt nicht.”
“Ha!” rief Walter. “Da haben wir’s! Und dafür hast du sechzehn Semester lang studiert, um zu sagen ‘Literatur ist Geschmackssache’!”
“Natürlich nicht nur,” wehrte sich Franz, “es gibt Werke, die sind unumstritten von hoher literarischer Qualität.”
“Zum Beispiel?”
“Na ja, nimm Goethes Faust zum Beispiel. Da wird niemand abstreiten, dass es ein Meisterwerk ist.”
Jetzt legte Walter erst richtig los. “Du meinst, diesen geilen hessischen Volksdichter? ‘Neische, du Schmerzensreische, dein Antlitz… hör doch auf. Wenn meine Tochter so etwas in einem Aufsatz schriebe, würde das nicht einmal für ein ‘ungenügend’ reichen. Oder nimm mal das unsägliche Gedicht, wo es heißt ‘spute dich Kronos, fort den schallenden Trab’. Weißt du, was mein Lehrer darunter geschrieben hätte? ‘Bilde vollständige Sätze!’ Wahrscheinlich muss einer zuerst tot sein, bevor man ihm so etwas durchlässt!”

Franz stand auf unter dem Vorwand, eine neue Flasche Wein zu holen. Aber es ging ihm wohl eher darum, ein wenig Bedenkzeit zu ergattern. Als er zurückkam, glaubte er vermutlich ein gutes Argument auf Lager zu haben.
“Tot sein muss einer nicht. Nimm doch zum Beispiel Bertolt Brecht oder Günter Grass. Brecht ist zwar tot, aber der war schon zu Lebzeiten berühmt. Und Grass ist ja ein richtiger Superstar.”
“Soll ich dir mal was sagen?” Walter lief zur Hochform auf. “Wenn meine Kinder ein Theaterstück schreiben würden von der Qualität Bert Brechts, würden sie als Kommunisten von der Schule verwiesen!”
Das gefiel selbst mir, und ich konnte nicht umhin, hinzuzufügen: “Ja, und wenn sie dazu noch Musik von Kurt Weill singen, kriegen sie in Gesang auch eine ‘Ungenügend’.”
“Genau!” bestätigte Walter. “Und wenn wir schon dabei sind: Dieser Schweiniggel von Günter Grass mit seinen Wix- und Fickgeschichten, was soll da dran wohl Weltliteratur sein?”
Franz schaute fragend zu mir hin, so als ob er von mir Hilfe erwarten könnte. Aber gegen Walters Argumente konnte ich wieder einmal nichts vorbringen.
“Eine Frage hätte ich noch, Franz!” Walter holte zum entscheidenden Schlag aus. “Deine Studenten, was machen die eigentlich später mit dem Wissen, das sie bei dir erwerben? Welche Berufe erlernen die?”
“Die meisten,” antwortete Franz, “gehen in einen Lehrberuf, werden Gymnasiallehrer oder gar Universitätsprofessoren.”
“Mit anderen Worten, das Wissen wird nur um des Wissens willen weitergegeben? Konkrete Resultate produzieren Euresgleichen nie? Wie sollen denn deine Studenten lernen, selbständig zu denken, wenn sie doch nur Sekundärliteratur studieren? Geschweige denn, dass so einer jemals selbst ein Buch schreibt!”

Es war spät geworden, und ich mahnte zum Aufbruch. Beim Abschied raunte Franz mir zu: “Ein interessanter Mensch, dieser Walter. Ich könnte stundenlang mit ihm diskutieren.”
“Diskutieren,” entschlüpfte es mir, “ist eine gute Entschuldigung, etwas nicht TUN zu müssen.”
“Der ist gut!” sagte Franz. “Lass mich mal raten. Goethe? Maximen und Reflexionen?”
“Nein, der ist von mir. Und wenn ich mal gestorben bin, hat das gefälligst Weltliteratur zu sein. Klar?”

Als meine Frau und ich an diesem Abend nach Hause zurückkehrten, mochten wir nicht gleich schlafen gehen. Wir waren von der hitzigen Diskussion noch zu aufgekratzt.
“Glaubst du wirklich,” fragte meine Frau, dass es keine klaren Kriterien gibt für gute Literatur?”
“Keine Ahnung,” sagte ich, “aber ich werde mir jetzt gleich mit Goethes Faust den Hintern abwischen. So viel Spaß muss sein!”
Meine Frau brach in einen mittleren Lachkrampf aus. “Und weißt du, was Walter jetzt sagen würde?” stieß sie zwischen zwei Anfällen hervor. “Schick das Resultat an den Verlag von Günter Grass. Vielleicht veröffentlichen sie’s!”