Walter 4


Walter und die Weihnachtskarten

Hans-Peter Zimmermann über die Ansichten seines Freundes Walter in Sachen Weihnachtsgrüße…


 

Es war der 24. Dezember. Walter und ich hatten abgemacht, uns nach dem Mittagessen zum Kaffee zu treffen. Einmal mehr wunderte ich mich über die vielen Menschen in der Stadt. Dass die ihre Weihnachtseinkäufe auch immer im letzten Moment machen mussten, das fand ich ja sowas von primitiv.

Walter, der den ersten Cappuccino schon fast fertig geschlürft hatte, begrüßte mich mit einem Hauch von Milchschaum auf der Nasenspitze und den Worten: “Was schleppst denn du da mit dir herum?”
“Wie? Was? Ach das?” entgegnete ich etwas verlegen, da mir klar wurde, dass auch ich heute noch eingekauft hatte. “Das ist nur ein neuer Staubsauger für meine Frau.”
“Aha!” blökte Walter halb vorwurfsvoll, halb schadenfreudig. “Tu quoque fili Brute, auch du machst deine Weihnachtseinkäufe im letzten Moment!”
“Jetzt gib’ mal nicht so an mit deinen acht Jahren Latein,” gab ich zurück. “Und überhaupt. Das sind keine Weihnachtseinkäufe. Das ist ein Wassersauger. Und den muss ich nun mal heute kaufen, weil die alte Nilfisk-Rochel gestern den Geist aufgegeben hat. Hast du übrigens gewusst, dass Wassersauger viel hygienischer sind und du nie mehr Staubsäcke kaufen musst?”
“Du lenkst vom Thema ab,” sagte Walter. “Und wenn schon Wassersauger, dann will ich mal deine Frau fluchen hören, wenn sie diese grausige Soße entsorgen muss. Das wird ein Heidenspaß! Hast du deine Bankrott-Erklärungen eigentlich schon verschickt?”
“Bankrott-Erklärungen? Ich bin doch nicht bankrott. Mir geht’s so gut wie noch nie!” antwortete ich empört.
“Ich meine ja auch nicht die finanziellen, ich meine die seelischen Bankrott-Erklärungen,” korrigierte mich Walter. “Die Weihnachts- und Neujahrskarten!”
“Ach so! Und warum, mein Lieber, sollten das Bankrott-Erklärungen sein?” wollte ich wissen.
“Gegenfrage,” sagte Walter triumphierend, “wie viele von den Leuten, die dir dieses Jahr eine Weihnachtskarte geschickt haben, haben sich im Laufe des Jahres einmal bei dir gemeldet?”
Ich musste nachdenken. “Also, wenn du mich so fragst, eigentlich wenige. Bei vielen habe ich mich gefragt, ob sie nicht ein wenig überrascht wären, wenn ich diese Karte zum Anlass nähme, um den Kontakt mit ihnen wieder aufzunehmen. Diejenigen, mit denen man ständig in Verbindung ist, hat man ja eh’ irgendwann in diesen Tagen am Telefon und wünscht sich so alles Gute. Aber Hand aufs Herz: Findest du das denn nicht auch schön, dass gewisse Menschen wenigstens einmal im Jahr an mich denken und sich sogar die Mühe machen, mir eine Karte zu schicken?”
“Warum muss es dann ausgerechnet an Weihnachten sein?” fragte Walter.
“Warum nicht an Weihnachten?” gab ich zurück.

Jetzt kam Walter aber in Fahrt. “Atheisten aller Länder, vereinigt euch!” rief er aus. “Das ganze Jahr über sollst du dem schnöden Mammon nachjagen und sündigen, was das Zeug hält. Einmal aber sollst du den alten Christengott mit seinem fanatisch angehauchten Sohn auferstehen lassen, auf dass alle so tun, als ob sie an ihn glaubten. Und es sollen Karten verschickt werden, die da sagen ‘Alles Liebe in dieser frohen Zeit’ und die da meinen ‘Schau her, du Arsch, ein Jahr lang konntest du mir gestohlen bleiben, aber jetzt habe ich mein Adressbuch zur Hand genommen, und da stehst du leider immer noch drin, da vergaß ich völlig, warum wir uns eigentlich nie mehr wiedersehen wollten und schicke dir jetzt diese Karte, jetzt hast du aber ein ganz schön schlechtes Gewissen, was?'”

“Du denkst tatsächlich, die meinen das so?” fragte ich ungläubig.
“Na, frag’ sie doch mal!” forderte Walter mich auf.
“Selbst wenn es so wäre, die würden das doch nie zugeben!” entgegnete ich.
“Eben, deswegen sag’ ich doch: Seelische Bankrott-Erklärung!”

“Du magst ja recht haben, lieber Walter,” sagte ich, “aber jetzt lass’ uns mal den Cappuccino bezahlen. Ich sollte nach Hause. Meine Frau will noch staubsaugen, bevor die Gäste kommen.”
“Ihr habt Gäste?” fragte Walter mit neugierigem Unterton.
“Na ja, wie immer. Die ganze Familie ist da. Ich hätte zwar ganz gerne mal Weihnachten mit meiner Frau allein gefeiert. Aber du weißt ja…”
“Was weiß ich?” foppte Walter. “Nichts weiß ich. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und wenn deine Eltern dich wirklich liebten, dann würden sie dich Weihnachten so feiern lassen, wie’s dir am liebsten ist.”
“Walter…” versuchte ich zu unterbrechen. Doch Walter war wieder einmal nicht zu bremsen.
“…Nimm dir ein Beispiel an den Vögeln. Sie werden gefüttert und aufgezogen, und sobald sie flügge sind, schwupp, raus aus dem Nest und ein eigenes Leben begonnen. Und da gibt’s nie eine Diskussion ‘gehen wir diese Weihnachten zu deinen oder zu meinen Eltern?'”
“Aber das kann man doch nicht so verallgemeinern. Es gibt doch sicher auch Menschen, die gerne zu ihren Eltern gehen und das Fest der Liebe im Kreis der Familie feiern wollen.”
“Meinetwegen,” meinte Walter kleinlaut.
“Was? Keine Widerrede aus deinem Munde? Wie kömmt, Hochwürden?”
“Meinetwegen,” wiederholte Walter. “Ich hab’ ja sowieso keinen, der mit mir feiern will.”

Jetzt tat mir Walter aber richtig leid. “Du, ich hätte dich so gerne eingeladen heute,” versuchte ich ihn zu trösten. “Aber du mit deinem Zynismus, das verträgt sich nicht mit meinen Eltern. Das gäbe die schlimmste Weihnacht seit damals, als zwei meiner Geschwister in Trennung lebten und dennoch mit ihren grantigen Ex-Partnern aufkreuzten.”
“Ich soll ein Zyniker sein?” Walter spielte den Beleidigten. “Haben wir nicht gerade herausgefunden, dass die Weihnachtskartenschreiber und Familienfeier-Freaks die Oberzyniker der Nation sind?”

“Schon gut, Walter,” beschwichtigte ich ihn. “Wir müssen das ein andermal weiter diskutieren. Ich muss jetzt. Ach, übrigens, da habe ich noch eine Karte für Franz Kugler. Den kennst du ja auch. Kannst du mal unterschreiben?”
“Franz Kugler, der Literatur-Professor?” fragte Walter. “Den hab’ ich ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Was macht der eigentlich?”
“Na ja,” antwortete ich, “beruflich gut wie immer. Verdient seine zwanzig Mille an der Uni. Aber privat hapert’s ein wenig. Seine Frau will sich scheiden lassen, und seine Tochter ist in der Schule beim Kiffen erwischt worden. Was, meinst du, sollten wir auf die Karte schreiben?”
“Wie wär’s denn,” sagte Walter, “mit ‘Alles Liebe in dieser frohen Zeit?'”

Einen Moment lang schauten wir uns an und versuchten, ernst zu bleiben. Dann konnten wir uns auf einmal nicht mehr halten vor Lachen.
“Gottseidank,” sagte Walter zum Abschied, “ab morgen früh haben wir wieder Ruhe für ein Jahr!”