Walter 5


Walter und die Jesus-Fundis

Hans-Peter Zimmermann über die Ansichten seines Freundes Walter in Sachen Religions-Folkloristen…


 

Ich hatte meiner Frau zu unserem zwanzigsten Hochzeitstag zwei Tage auf einer Beauty-Farm geschenkt. Nein halt, ich muss etwas berichtigen:

  1. Meine Frau hat eine Beauty Farm nicht nötig. Ich wollte ihr lediglich zwei entspannende Tage ohne Mann und Hund gönnen. Außerdem GLAUBT meine Frau (wie jede Frau), dass sie eine Beauty Farm braucht.
  2. Es war “de iure” nicht der zwanzigste Hochzeitstag, sondern lediglich der fünfzehnte. Aber vor zwanzig Jahren hatten wir unsere Ehe im Himmel geschlossen.
  3. Es war nicht GENAU der zwanzigste Hochzeitstag, sondern nur UNGEFÄHR. Denn meine Frau ist eine der wenigen Frauen, die sich nicht um so banales Zeug wie Hochzeitstage kümmern. Und ich… na ja, was soll ich sagen: Ich bin ein Mann! Deshalb sind wir auch schon zwanzig Jahre zusammen. Ungefähr…

Was ich eigentlich sagen wollte: Meine Frau war weg. Und mein Freund Walter und ich machten uns gerade daran, unseren Mägen das letzte Käsefondue der Saison aufzubrummen und uns dabei die neueste Folge der “Expedition Robinson” einzuverleiben. “Robinson”, das ist so etwas wie “Big Brother”, aber draußen, weit weg, auf einer Insel vor Malaysia.

Ich war gerade dabei, einen etwas zu heißen Bissen mit hartnäckigem Blasen (hab’ ich von meiner Mutter gelernt, das Käseblasen!) etwas abzukühlen, als ein kahlrasierter Zeitgenosse in die Kamera rezitierte, warum er glaubte, Robinson 2000 zu werden. “Ich habe Gott auf meiner Seite”, hörte man ihn klar und deutlich in breitem Bündner Dialekt radebrechen. (Bündner, nicht anrufen! Dies ist keine Live-Sendung!)

“Gottloser Schwätzer!” entschlüpfte es Walter.

“Wer, ich?” fragte ich erstaunt. “Ich habe gar nichts gesagt; ich habe nur geblasen!”

“Nein, der Sascha da”, klärte mich Walter auf. “Gott als Gewinnstrategie? Gott als Mannschafts-Coach? Wie lange dauert’s noch, bis wir auf Gott Wetten abschließen können? Rettet er den Kosovo oder rettet er ihn nicht? Etwas Gottloseres gibt es doch nicht!”

“Na ja”, versuchte ich zu beschwichtigen, “das ist halt das Resultat unserer Sonntagsschul-Erziehung. Den Kids wird beigebracht, dass Gott so eine Art großer Bruder sei, der ihnen in allen Lebenslagen hilft…”

“Big Brother! Großer Bruder! Da haben wir die Parallele!” rief Walter aus und verschluckte sich fast an einer Kartoffel (ja, wir servieren zum Käsefondue auch Kartoffeln, das macht’s etwas leichter. Aber das gehört nun wirklich nicht hier hin!)

Schon wollten wir das Thema ad acta legen (was bei Walter etwas heißen will!), als der nächste Angriff aus der Bildröhre kam: Der Bündner und eine Urnerin (das sind die aus dem Kanton Uri) hatten gerade ein Luxusspiel gewonnen und als Belohnung ein Gourmet-Essen zu zweit kassiert. Eine glänzende Gelegenheit für erneuten Jesus-Folklorismus. Groß-Aufnahme, die beiden mit brav gefalteten Händen: “Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.”

Ich sah aus dem Augenwinkel, wie Walters Schläfen sich röteten. Das konnte nichts Gutes bedeuten. “Verdammte, blöde, hirnrissige, selbstherrliche Jesus-Freaks”, sprudelte es aus ihm heraus. “Haben die eigentlich nichts begriffen, was Gottes Natur angeht?”

“Walter, bitte beruhige dich”, redete ich auf ihn ein, “dadurch wird das Fondue auch nicht kühler!”

“Nein, ist doch wahr”, entgegnete Walter immer noch in höchster Erregung, “den Glauben trägt man doch nicht auf der Zunge, sondern im Herzen. Und überhaupt, ‘segne, was du uns bescheret hast’, das ist doch wohl die ultimative Kapitulation gegenüber dem Großhirn. Wenn Gott ihnen dieses Essen beschert hat, dann ist es schon gesegnet, sapperlott. Oder glauben die, Gott ist ein alter Knacker, der alles vergisst?”

“Walter, du siehst das wieder mal viel zu eng”, sagte ich. “Das sind nun mal Rituale, die seit Jahrhunderten existieren. Sie geben den Menschen Halt.”

“Bei solchen Typen nützt aller Halt nichts!” rief Walter aus und schluckte einen Riesenbrocken ungekaut hinunter. “Und übrigens, Ritual hin oder her, man wird solches Zeug ja wohl noch hinterfragen dürfen. Sonst können wir auch das gute alte Ritual des Steinigens wieder einführen.”

“Das Steinigen besorgen heutzutage die Medien”, entschlüpfte es mir, und es war schon zu spät, diesen deplatzierten Satz aus dem Protokoll zu streichen.

Aber wer Walter kennt, der weiß, dass er noch nicht fertig sein konnte mit diesem Thema. “Weißt du”, erklärte er mir, “da las ich doch kürzlich eine Leserbrief-Debatte in einer Zeitung, wo ein Pfarrer einem Kirchen-Kritiker entgegnete, er werde dann später schon mal sehen, wer recht gehabt habe! Kannst du das glauben? Und sowas wird staatlich subventioniert.”

“Na ja”, meinte ich in der Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage, “wenn die nicht in der sozialen Hängematte der staatlichen Kirche herumhängen würden, wären sie arbeitslos. Und dann müsste sie der Staat genau so durchfüttern.”

“Du meinst, die sind und bleiben Schmarotzer?” fragte Walter mampfend.

“Das habe ich nicht gesagt!”

“Aber gedacht!” hakte Walter nach.

“Walter, hör’ mal”, sagte ich mit einigem Nachdruck, “wenn wir schon behaupten, ein gesünderes Bild von Gott zu haben, dann müssen wird doch mit gutem Beispiel vorangehen und auch diese Menschen akzeptieren, wie sie sind. Das ist es doch, was Jesus sagen wollte!”

In der Zwischenzeit waren wir mit unserem Fondue auf dem Pfannenboden bei der leckeren Kruste angelangt, und Walter bemerkte auf einmal schmunzelnd: “Weißt du eigentlich, wie die Kruste beim Fondue auf Französisch heißt? La religieuse!”

“Die Nonne? Ist das wahr?” gab ich ungläubig zurück. “Wie kommt denn das?”

“Keine Ahnung”, antwortete Walter. “Vielleicht weil sie so vertrocknet ist!” Walter musste sich den Bauch halten vor Lachen, während mir aus unerklärlichen Gründen der Appetit auf die Kruste verging.

“Übrigens, Jesus liebt dich!” meinte Walter mit ernster Stimme, während er die letzten Reste aus dem Caquelon kratzte.

“Wie bitte?” Ich traute meinen Ohren nicht.

“Ja, er liebt dich. Und weißt du, wie froh ich bin, dass ich diesen Scheiss-Job nicht selbst erledigen muss!”

Das war’s! Wir lagen am Boden und wussten nicht, ob es die Brot-Käse-Kartoffelmasse war oder der anbrechende Lachkrampf, was uns so schmerzte.

“Lukas 23,33!” rief Walter, der sich als weitaus bibelkundiger herausstellen sollte als ich es je erwartet hätte. “Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht einmal, was sie sagen. Wie sollten sie dann wissen, was sie tun?”