Walter 6


Walter und die Ehrlichkeit

Hans-Peter Zimmermann über den Ehrlichkeitsfimmel seines Freundes Walter…


 

Es war wieder der Nachmittag vor Heiligabend. Und wieder traf ich meinen Freund Walter im letzten noch offenen Café der Stadt. Ich machte mir gerade Sorgen darüber, dass mir immer an Weihnachten die besten Satire-Ideen kamen, als die Kellnerin uns unseren Kaffee crème brachte.

Walter sah die Kellnerin lange an und ließ die folgenden Worte über seine Lippen gleiten: “Sie haben aber alles andere als Weihnachtsstimmung!”
Und, meinen empörten Stupser in seine Rippen ignorierend, fuhr er fort: “Oder liegt das daran, dass Sie nie so alt werden, wie Sie aussehen?”

“Walter, jetzt reicht’s!” rief ich. “Das wird ja jedes Jahr schlimmer! Nur weil du Weihnachten alleine feiern musst, heißt das noch lange nicht, dass du deinen Frust an der armen Frau Özdemir, geborene Ürlük, abreagieren musst.

Doch die Kellnerin war offensichtlich erst kurze Zeit in der Schweiz und schien gottseidank nichts zu verstehen. Zumindest ließ sie sich nichts anmerken und verzog sich mit dem gleichen mürrischen Gesicht hinter die Theke, wie sie von dort hervorgekommen war.

Ich war immer noch empört und überlegte mir ernsthaft, ob Walter als Freund noch tragbar war oder ob ich ihn künftig nur noch als Satire-Figur weiterleben lassen würde. Da unterbrach mich mein Beinahe-Ex-Freund mit den Worten: “Wenn du wieder eine Glosse schreibst, philosophiere doch mal darüber, warum wir Schweizer die Kellnerinnen “Serviertöchter” nennen!”

“Das liegt sicher daran,” meinte ich scherzend, “dass der Wirt die Kellnerinnen wie seine eigenen Töchter behandelt.”

“Du meinst tatsächlich, der geht mir jeder Serviertochter ins Bett?” fragte Walter überrascht.

“Walter!” rief ich aus. “Wenn ich nicht wüsste, dass du scherzt, würde ich dich auf der Stelle verlassen!”

“Das wäre aber schade,” gab Walter zurück, “da müsste ich mich ja mit dem hübschen Serviersohn da hinten trösten.”

“Aha!” rief ich triumphierend. “So bestätigt sich denn mein und meiner Gemahlin lang gehegter Verdacht, dass Freund Walter es mit seinesgleichen treibt.”

“Ja!” posaunte Walter ins halbvolle Café. “Heute ist Weihnachten, das Fest der Liebe! Heute sind wir ehrlich! Schon in der Bibel heißt es: ‘Seid fruchtbar und outet euch!’ Und weil heute der Tag der Ehrlichkeit ist, sollt ihr noch mehr erfahren:

Wahrlich aber, ich sage euch:

  • “Verkehrskontrollen sind nicht zur Unfallverhütung da, sondern zum Füllen der Staatskassen
  • Airline Tickets werden nicht zum Transportieren von Passagieren verkauft, sondern zum Vergnügen der Aktionäre und Manager
  • Kardinal Ratzinger ist nicht zum Wohle der Katholiken da, sondern weil er sich in einem handwerklichen Beruf weniger wohl gefühlt hätte.”

“Da muss ich dich unterbrechen, Walter! Ich habe kürzlich ein Focus-Interview mit Ratzinger gelesen. Dem seine Ansichten von Gott sind gar nicht so verschieden von den unsrigen!”

“Du meinst, die Ansichten seines PR-Managers?” gab Walter schlagfertig zurück. “Wenn der mal Papst werden will, was Gott verhindern möge, dann muss er doch dieses Pantheismus-Gesülze rauslassen.” Und, mit bischöflichem Gehabe, was dem frisch ge-outeten Walter relativ leicht fiel, fügte er an: “Gott ist in allem, liebe Schäfchen, aber im Ratzinger noch ein bisschen mehr.”

“Walter!” mahnte ich. “Mir hat man schon einmal Ignoranz und Diffamierung vorgeworfen, weil ich mich nicht der Knechtschaft des Vatikans unterwerfe. Also bitte, nimm dich zusammen, und tue wenigstens an Weihnachten so, als könntest du unehrlich sein wie alle anderen auch.”

“Ist ja gut, ist ja gut,” beschwichtigte Walter. “Ich habe ja bloß gedacht, ich muntere dich ein wenig auf, bevor du zu deiner alljährlichen Familienfeier fahren musst, du Armer!”

“Ach, so schlimm ist das nun auch wieder nicht,” log ich, während ich den letzten bitteren Schluck meines Kaffee crème hinunterwürgte. “Jedenfalls nicht schlimmer als der Kaffee in durchschnittlichen Schweizer Kneipen.”

“Du meinst, diese bohnenlose Frechheit?” fragte Walter, auf seine noch halbvolle Tasse zeigend. “Das wäre meine nächste Walthersche These gewesen:

“Der Kaffee in Schweizer Kneipen wird nicht zum Vergnügen der Gäste ausgeschenkt, sondern zwecks Altersvorsorge des Wirts, der leider noch nicht weiß, dass er keine braucht, da er laut Statistik mit 58 Jahren das Zeitliche segnet.”

Mit seiner letzten Bemerkung ging Walter einmal mehr zu weit:
“Und mit irgendwas muss er seine Serviertochter schließlich bezahlen, wenn er sie ins Bett kriegen will. Denn seine richtige Tochter ist längst erwachsen und macht’s nicht mehr mit ihm.”

Ich war froh, als ich bezahlen und gehen konnte. Zum Glück warteten meine Eltern mit einer Familienfeier auf mich, wo man sich noch gegenseitig anlügen konnte, ohne gleich die Weihnachtsstimmung zu verlieren.