Walter 7


Walters Vermächtnis

Hans-Peter Zimmermann über den allzu frühen Tod seines Freundes Walter…


 

Ich habe lange gebraucht, bis ich es Ihnen erzählen konnte: Mein Freund Walter ist kurz nach Weihnachten 2003 gestorben.

Zwei Monate vorher bekam er von seinem Hausarzt die Diagnose verpasst: Akute maligne akkumulative Zystohistomyoalgose des Non-Küblböck-Typs. Lebenserwartung: Zwei Tage. Walter hat das natürlich wieder mal nicht ernst genommen und munter 58 Tage dran gehängt.

Sein letzter Wille war, dass ich den folgenden Text unverändert in Netz stelle, was ich hiermit gerne tue:

Hallo Freunde

Hier ist Euer alter Walter. Wenn Ihr das lest, bin ich bereits über den Jordan. Aber das macht nichts, lest trotzdem weiter.

Ich habe vor zwei Monaten die Prognose bekommen, noch zwei Tage zu leben. Die Zeit ist gottseidank relativ, und so bin ich also 50 Tage nach dem Todesurteil der Schulmedizin immer noch da, zumindest die meiste Zeit, denn zwischendurch döse ich schon mal rüber in die andere Welt. Und hier sind die Weisheiten, die mir bei meinen Nahtodes-Erfahrungen zuteil wurden:

1. Ephraim Kishon ist NICHT lustig.

2. Britney Spears muss man NICHT kennen.

3. Günter Jauch muss NICHT alles moderieren.

4. Howard Carpendale braucht KEIN Comeback.

5. Nur Sitzpinkler kommen in den Himmel.

6. Marathonläufer sind die größten Sünder vor dem Herrn.

Ja, da staunt Ihr, was? Oder habt Ihr etwas Tiefgründigeres erwartet? Ich muss Euch enttäuschen: Die wahrhaft wichtigen Fragen des Lebens sind überhaupt nicht tiefgründig, sondern simpel.

Eigentlich schade, dass ich nicht zu Lebzeiten noch eine Sekte gegründet habe. Aber das wird vermutlich sogar besser gelingen, wenn ich das Zeitliche gesegnet habe. Ich hätte auch schon ein paar Ideen, wie wir die Sekte (oder politisch korrekt: Vereinigung) nennen könnten. Wie wär’s mit “Kirche der Walters der letzten Tage”? Oder “Waltis Zeugen”? Oder “Walterology”? Na ja, ich überlasse das Euch. Wichtig ist vor allem, dass Ihr mindestens zwei Menschen findet, die überzeugt sind, meine Philosophie zu kennen, und die sich gegenseitig das Leben schwer machen.

Dann müsst Ihr die Vereinigung aufsplitten in Ur-Walterianer und Neo-Walterianer, und dann müsst Ihr mir Dinge in den Mund legen, die ich gar nie gesagt habe, oder wenn ich sie so gesagt habe, nicht so gemeint habe, und dann müsst Ihr dafür sorgen, dass einer behauptet, die Reinkarnation des Original-Walters zu sein. Ich sag’s Euch gleich: Das wird gelogen sein! Ich werde den Teufel tun und mich in eine Sekte hinein gebären lassen. Aber es wird Euch einen Dreck kümmern, was ich wirklich gesagt habe, denn Ihr werdet mich nur als Vorwand brauchen, um Eure eigenen Spielchen zu spielen.

Und wisst Ihr was? Es ist okay so. Ihr dürft das tun, und ich werde mit Wohlwollen Eurem Treiben zuschauen. Ja, das hättet Ihr nicht erwartet von Eurem Walter, gell? Dass der nach seinen bissigen Satiren auf einmal so friedlich daher kommt.
“Das liegt sicher an seinem nahen Tod”, werden die Esoterik-Aufschneider unter Euch jetzt zu den spirituell Minderbemittelten sagen. Irrtum, sage ich. In einer bissigen Satire steckt mehr Liebe zum Leben als im Heile-Welt-Gesülze eines Harmoniesüchtigen.

“Der hat sicher seine akute maligne akkumulative Zystohistomyoalgose des Non-Küblböck-Typs bekommen, weil er immer so zynisch war”, sagt ein anderer Turnbeutel-Vergesser zu seiner Henna-Tussi. Auch falsch: Ich habe meine akute maligne akkumulative Zystohistomyoalgose des Non-Küblböck-Typs bekommen, weil irgendwann Schluss sein muss. Zumindest vorübergehend.

Und nun lebt wohl. Ich werde in all jenen weiter leben, die sich nicht scheuen, den Mund aufzumachen und ihre Meinung kund zu tun, auch aufs Risiko hin, dass sie morgen ein Stück weiter sind und sagen können: “Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Heute ist heute.”

Ach so, fast hätte ich die letzte Weisheit vergessen:

7. Auf den Messias wartet Ihr leider vergeblich, aber dafür kommt Jürgen Höller wieder!