Kevin 1


Meinem Freund Walter sein Sohn Kevin (1)

Hans-Peter Zimmermann über “Walter hoch zwei”


 

Also, wenn Sie das lesen, dann nehme ich an, dass Sie meinen Freund Walter, der an Weihnachten 2003 verstorben ist, noch gekannt haben. Zumindest aufgrund meiner Erzählungen. Oder müsste ich sagen “zumindestens”? So sagt’s zumindestens regelmäßig Richter Alexander Hold. Und der ist nicht der Einzigste, der wo in Deutschland kein Deutsch mehr kann heutzulande und hierzutage. Und dann stellt er noch jedem fünften Satz die kühne Aussage “auf gut Deutsch” voran. Da beißt die Maus sich nicht in den eigenen Schwanz und die Katze keinen Faden ab.

Was ich Ihnen eigentlich berichten wollte: Da klingelt eines Abends mein Handy. Doch, das ist etwas Besonderes, denn normalerweise schalte ich das Ding sofort ab, wenn ich nach Hause komme. Ich gehöre nicht zu der Spezies, die glaubt, immer und überall erreichbar zu sein, bedeute so etwas wie Bedeutsamkeit. Es bedeutet für mich lediglich, man gehört zum Personal. So ähnlich wie die Typen in der Business-Class von LSZH nach LAX. Doch doch, die reden so. Und noch schlimmer, sie schreiben solche Essemesse. Oder heißt das SMSen auf gut Neudeutsch? “Hallo Schatz, landing LAX in 10, CU” Was das bedeutet? Glauben Sie wirklich, Sie müssten das wissen? Mein Gott, bin ich wieder abgeschwoffen! Zurück zum abendlichen Anruf auf meinem Handy.

Ich gehe also ran, ganz entgegen meinen Gepflogenheiten und obschon da ein warnendes “anonym” auf dem schon wieder verschmierten obschon gerade geputzten iPhone-Display steht. Das wird wieder einer sein, der wissen will, ob man gegen seinen Willen hypnotisiert werden kann, oder ob ich seine Freundin hypnotisieren könne, damit sie zugibt, einen anderen zu haben. Warum tue ich mir das an, so kurz nach Feierabend? “Hans-Peter Zimmermann” sage ich in einem Ton, den ein Leser meines Buches “Groß-Erfolg im Kleinbetrieb” zu Recht kritisieren würde, und der dem Anrufer signalisieren soll “Dein Anliegen sollte ein Wichtiges sein, sonst lernst du mich kennen!” Sie ahnen gar nicht, wie viel Bedrohliches man in diesen Namen packen kann.

“Ja, hallo”, klingt es aus der Muschel, die seit vielen Handy-Generationen keine Muschel mehr ist, aber was soll ich machen? Ich gehöre nun mal zur Johannes-Mario-Simmel-Generation, und bei uns “klingt es entweder aus der Muschel” oder es “tönt am anderen Ende der Leitung”, auch wenn da schon lange keine Leitung mehr ist, weil drahtlos, schädlich und selbst mit Homöopathie nicht kleinzukriegen. Aber das gehört schon wieder nicht hierhin.

“Sie kennen mich nicht. Aber ich weiß, dass Sie meinen Vater kannten. Mein Name ist Kevin. Ich bin Walters Sohn.”

“Walter soll einen Sohn gehabt haben? Und noch schlimmer: Er hat ihn Kevin getauft? Sie wollen mich verarschen, oder? Ich habe an meinen Seminaren noch nie einen Kevin gehabt; das sagt einiges aus über den IQ des gemeinen Kevin, wobei ‘gemein’ hier nicht im dissozialen Sinne, sondern mehr so im biologisch-kategorisierenden, Sie wissen schon ‘gemeiner Berghahnenfuß nach Linné’ und so…”

“Mein Vater wusste gar nicht, dass er einen Sohn hat”, unterbrach die Stimme (wo?) am anderen Ende der Leitung. “Und meine Mutter hat mir erst kürzlich gesagt, wer mein Vater ist, beziehungsweise war. Ich möchte mehr wissen über meinen Dad, und Sie sollen ihn ja gut gekannt haben. Können wir uns einmal treffen?”

Ich mach’s kurz: Nachdem ich einen Sicherheits-Check in Form eines Rückrufs durch Kevins Mutter, der Kevin-Alleinnamengeberin sozusagen, verlangt und bekommen hatte, vereinbarte ich mit Kevin ein Mittagessen in einem beliebten Zuger Restaurant.

Es war einer der ersten warmen Apriltage, und wir setzten uns auf die Terrasse an einen der letzten freien Tische.

“Nun erzählen Sie mal, was war mein Vater so für ein Mensch?” fing Kevin an.

Was soll man darauf sagen? Wenn ich Sie fragen würde, was ich so für ein Mensch sei, ich bin sicher, da käme nicht das heraus, was ich hören will. Sollte ich seinem Sohn sagen, ich hätte Walter immer nur als Zyniker erlebt? Oder war das doch eher Sarkasmus? Vielleicht Satire? Egal. Die Kevins dieser Welt kennen den Unterschied sowieso nicht. Und bei Wikipedia nachschlagen, das tut man nur, wenn man die Ehemänner von Britney Spears nicht mehr auswendig im Kopf hat.

“Er war”, hub ich an, um nach dem Anhuben eine kleine Kunstpause einzuflechten, “etwas ganz Besonderes.”

“Das war Hitler auch. Was war das Besondere an meinem Dad?”

“Kevin”, sagte ich mit dem Nachdruck der totalen Überzeugung, “jetzt weiß ich, du bist Walters Sohn. Aus diesen Worten spricht Walters Sperma. Für dich bin ich Hans-Peter. Willkommen in der Familie!”

“Ja ja, schon gut. Jetzt wo wir uns verbrüdert haben, kannst du mir ja die Wahrheit sagen.”

In diesem Moment wurde es kühl und schattig auf der Terrasse. Nicht etwa, dass da die Natur ins Wetter gepfuscht hätte. Nein, der Wetter-Ansager im Schweizer Fernsehen hatte richtigerweise bemerkt: “Die Sonne, die scheint heute den ganzen Tag”. Ja, das ist Schweizer-Fernsehen-Wetterdeutsch: Die Sonne, die scheint. Der Wind, der bläst. Die Temperatur, die steigt. Die Wolken, die ziehen auf. So wird bei SF DRS auf dem Dach, dort wo die teuren Anlagen für den Wetterbericht sitzen, gesprochen. Warum auch nicht? Wenn schon Fernseh-Richter “zumindestens” sagen dürfen, dann muss es doch erlaubt sein, dass die Sonne, die scheint, und der Wind der bläst, und die Deutschkenntnisse, die werden uns von Thomas Bucheli versaut, oder?

Aber das Wetter, das war’s nun eben nicht. Statt dessen wurde die riesige Sonnenstore über unsere Köpfe geschoben. Einige schauten fragend nach oben, und das Fragende in ihren Gesichtern machte allmählich einem leichten Zittern Platz, denn so warm war es an diesem ersten warmen Apriltag eben doch nicht, dass es einer Sonnenstore bedurft hätte.

Irgendwo hörte ich im Ohrenwinkel den Chef zu einer fröstelnden Gruppe sagen “Nein, ich kann es leider nicht steuern.” Sagt’s und serviert Pizza, als wäre nichts gewesen.

“Was heißt da, ich kann es nicht steuern?” maulte Kevin halb zu mir, halb zur Meute auf der Terrasse gerichtet. “War’s das schon? Erwartet dieser Kerl, dass wir das tolerieren?”

“Jetzt lernst du mal die Zuger kennen”, kündigte ich mit einem vielversprechenden Blick an.

“Du meinst, die stehen alle auf und gehen?” fragte Kevin.

“Nein”, entgegnete ich mit Kennerblick, “die fressen fröstelnd ihre Pizza. Der Chef hat ihnen ja gesagt, er kann es nicht steuern, und das akzeptieren die.”

“Du meinst, wenn die Stadt Zug ein Hund wäre, wär’s ein Golden Retriever?” fragte Kevin und traute seinen Augen nicht, angesichts der zitternd weiter essenden Gäste.

“So weit reichen leider meine kynologischen Kenntnisse nicht”, gab ich zur Antwort, “aber wenn du dich so gut auskennst, mach’ doch mal den Yorkshire Terrier.”
Ohne zu zögern stand Kevin auf, ging zum Chef hin und fragte so neutral wie es nur ging: “Stimmt das, dass Sie die Store nicht aufmachen können?”

“Ja, das stimmt leider”, erwiderte der Mann, der vermutlich in Italien geboren und in Zug zur Schule gegangen war, wo er sein italienisches Temperament beherrschen und absolut akzentfreies Schweizerdeutsch sprechen gelernt hatte. Sagt’s und wendet sich wieder seinen viel wichtigeren Chef-von-Pizzeria-Problemen-wo-Gast-von-keine-Ahnung-hat zu.

Golden-Retriever-Talk brachte also nichts. Der Mann brauchte Schärferes. Und Kevin gab es ihm: “Das klingt für mich so, als würde das Problem schon lange bestehen. Das ist ja birnenweich, wenn man so etwas nicht flicken lässt!”

Und jetzt folgte etwas, was mindestens zwei Diplomarbeiten in Psychologie füllen würde. Im Restaurant-Chef drin entlud sich der Konflikt zwischen dem Italiener und dem Zuger. Er rief, so aufgebracht, dass die ganze Terrasse ihn hören konnte: “Ah nein, also bitte, reden Sie anständig mit mir, ja?”

“Anständig habe ich versucht”, gab Kevin gelassen zur Antwort. “Wenn ich anständig bleibe, wird die Store sich auch im nächsten Frühling noch so bewegen, wie es ihr beliebt. Bitte stornieren Sie unser Dessert und geben Sie mir sofort die Rechnung.”

Auf der Terrasse wurde getuschelt. Ich meine, eine Mutter wahrgenommen zu haben, die ihrem Kind die Vorgänge an der Kasse mit folgenden Worten zu erklären versuchte: “Weißt du, der Mann hat wahrscheinlich keinen Pullover dabei. Er friert leicht und kommt aus einer Gegend, wo man nicht so tolerant ist wie hier. Aber deshalb verdient er trotzdem unsere Achtung. Die Menschen sind eben ganz unterschiedlich.” Ich meine auch, aus ihrem Ton den leisen Anspruch heraus gehört zu haben, den sie an ihren Mann hegte, dass er ihre Wochenend-Kurse in Kinesiologie endlich ernst nehmen sollte, und dass es ihr nicht genügt, wenn er die Kurse bezahlt, nein, es würde auch von Achtung zeugen, wenn er sich endlich mal von ihr behandeln lassen würde. Nötig hätte er es, denn obwohl er viel Geld nach Hause bringt, muss er nicht meinen, das ganze Wissen der Welt gepachtet zu haben. Doch, genau das hat die Frau gesagt, nonverbal, also quasi zwischen den Zeilen, wenn es denn welche wären.

Der Italiener sagte jetzt etwas gänzlich Unitalienisches, nämlich “Sie brauchen nichts zu bezahlen. Gehen Sie!” Na ja, so unitalienisch ist das eigentlich nicht, oder? Oft habe ich den Eindruck, man ist in einem italienischen Restaurant nur willkommen, solange man isst und trinkt. Sobald man aber bezahlen will, ist keiner mehr da. Nur den Spruch “Sie brauchen nichts zu bezahlen, gehen Sie”, den hörte ich heute denn doch zum ersten Mal.

Kevin ließ sich nicht abwimmeln. “Hören Sie sich selber eigentlich zu?” provozierte er den gezügelten Italiener. “Ich als Ihr Gast sage Ihnen, wie ich mich fühle, und Sie schicken mich zum Teufel? Glauben Sie, ich habe reklamiert, weil ich die Zeche prellen will? Hier haben Sie Ihr Geld, und wagen Sie es ja nicht, mir Wechselgeld anzubieten.” Und damit stopfte er ihm hundert Franken in die Brusttasche, was fast dem Doppelten unserer Konsumation entsprach.

“Kevin”, sagte ich mit einiger Besorgnis, als er mir andeutete, dass wir jetzt endlich dem grausamen Schatten der selbstbestimmten Sonnenstore entfliehen dürften, “hier können wir uns nie wieder blicken lassen. Wenn du diese Nummer in Zukunft überall durchziehst, Zug ist nicht so groß, und die brauchbaren Restaurants kannst du an zwei Händen aufzählen.”

“Du hast mir doch gesagt, ich soll den Yorkshire Terrier machen. Bist du jetzt zu den Goldies übergelaufen?”

“Unglaublich”, dachte ich, während sich meine steifen Glieder von der Aprilsonne allmählich wieder aufwärmen ließen, “diese spielerische Selbstverständlichkeit, mit der dieser junge Mann durchs Leben geht.” Und als hätte er meine Gedanken gelesen, entschlüpften seinem Mund die Worte: “Wir spielen immer. Wer es weiß, ist klug.”

“Hast du das im Tagebuch deines Dads gefunden?” wollte ich wissen.

“Nein”, meinte Kevin, “das ist von Shakespeare. Aber auch ganz brauchbar.”

“Willst du immer noch wissen, wie dein Vater war?” fragte ich.

“Ja, klar”, antwortete Kevin.

“Dann schau’ in den Spiegel und zieh’ die Wurzel draus.”

“Wie, was, die Wurzel draus ziehen?”

“Na ja, du bist Walter hoch zwei! Und ich freue mich auf weitere Kevin-Episoden!”

“Schön, dann hast du ja endlich wieder etwas zum Schreiben”. Und im Abgehen brummelte er etwas vor sich hin, das ich so entschlüsseln würde: “…auch wenn’s keiner lesen will.”