Kevin 2


Meinem Freund Walter sein Sohn Kevin (2)

Hans-Peter Zimmermann über nervige Kino-Marotten des Durchschnittsbürgers

 


 

Es war Kevins Idee gewesen. Ich mache mir ja nichts mehr aus Kinobesuchen, seit unsere ehemals prunkvollen Filmpaläste zu Popcorn-Schleudern verkommen sind, die nach der Vorstellung aussehen wie nach einem dreitägigen Volksfest. Aber Kevin meinte, wir müssten unbedingt ins IMAX-Theater gehen. Dort würde ein fünfzigminütiger Film über den Grand Canyon “gegeben”.

“So so, ‘gegeben’ wird der. Wo lernt Ihr Kevins eigentlich solche Wörter?” zog ich ihn auf.

“Ich habe halt mit meiner Mutter zusammen lange in Deutschland gewohnt”; versuchte Kevin sich herauszureden.

“Na und?” gab ich zurück. “Ich kenne viele Deutsche, und die reden nicht so gestelzt.”

“Hast du dich letztes Mal nicht darüber beklagt, dass die Leute kein Deutsch mehr können?”

“Also gut,” sagte ich, “nehmen wir ihn.”

“Nehmen wir was?” Kevin sah mich fragend an.

“Nehmen wir den Film. Wenn er ‘gegeben’ wird, muss er auch von jemandem ‘genommen’ werden, oder?”

“Hast du dein Handy ausgemacht?” fragte Kevin, und ich war mir nicht sicher, ob er sich wirklich darum sorgte, dass ich mich mit einem klingelnden iPhone blamieren könnte, oder ob das sein Verhaltensmuster war, wenn er sich mit etwas nicht näher beschäftigen wollte.

“Nicht dass der Flug über den Grand Canyon noch zum ‘Highway to Hell’ wird, wenn dein Handy losgeht,” doppelte Kevin nach.

“Highway to Hell?” entgegnete ich verständnislos. “Du bist doch nicht der Meinung, dass ich zu jenen Hirnis gehöre, die sich über einen Handy-Klingelton definieren, oder?”

“Was weiß ich denn?” sagte Kevin. “Ich kenne dich ja erst seit ein paar Wochen. Und wenn du dich als Handy-Klingelton-Runterlader-mit-für-jedes-Familienmitglied-eigenem-Klingelton entpuppen solltest, können wir den Kontakt sofort wieder abbrechen.”

“Erstens, lieber Kevin,” gab ich zurück, gegen den etwas zu lehrerhaften Ton vergeblich ankämpfend, “bist du für dein Alter ganz schön unverschämt. Und zweitens, das würdest du tatsächlich tun, den Kontakt wieder abbrechen?”

“Warum denn nicht?” antwortete Kevin mit leicht irritierender Gelassenheit. “Wenn es erlaubt ist, Menschen kennenzulernen, muss es doch auch erlaubt sein, zum ursprünglichen Zustand zurückzukehren und sie nicht mehr zu kennen.”

“Schön wär’s, wenn das ginge,” merkte ich an, “aber beim Kennenlernen funktioniert das leider nicht. Wenn man einmal diese Grenze überschritten hat, gibt es kein Zurück. Wenn du so tust, als kenntest du einen alten Bekannten nicht, kann man dir vorwerfen, du seist ein Trotzkopf. Und zwar zu Recht.”

“Nun mach’ dir mal keine Sorgen,” beruhigte mich Kevin, “du bist ja kein Handyklingeltonrunterlader. Das ist schon mal ein Punkt für dich.”

Unsere Konversation wurde unterbrochen vom lautstarken Dolby-Surround-Sound-Hinweis, dass wir bitte unsere Handys ausschalten möchten, und dass ein anschließender Besuch im Luzerner Verkehrshaus ein Spaß für die ganze Familie sei. Letzteres ging uns gottseidank nichts an, da wir ja keine Familie dabei hatten.

Und dann ging auf der Leinwand das Spektakel los. Schon die erste Einstellung haute mich fast um. Ich war versucht, Kevin etwas über die sagenhaft teure Wescam-Kugel zu erzählen, die solch spektakulär stabile und scharfe Luftaufnahmen überhaupt möglich machte, und deren Wert nur jemand wie ich zu schätzen weiß, der vor Jahren mit Hilfe eines billigen Kreisel-Stabilisators ein paar halbwegs brauchbare Luftaufnahmen von der JU-52 in den Kasten holte. Na ja, nicht ich selbst, aber ich war dabei, als Ton-Ingenieur, und das hätte ich Kevin auch gesagt, wenn ich mich getraut hätte. Aber ich war der Meinung, dass die Leute Eintritt bezahlt hatten, um erst mal in aller Ruhe den Film zu genießen. Unterhalten würde man sich später können.

Doch diese Meinung schienen nicht alle zu teilen.
“Das ist der Colorado River,” flüsterte vor mir eine Frau zu ihrem Sohn. Nach der Größe seines in den Sitz versunkenen Kopfes zu beurteilen, war der etwa elf Jahre alt und sichtlich genervt. Und das lag vermutlich nicht nur daran, dass sie “Coloreido” sagte, und dass das nicht dem entsprach, was man dem Sprössling im Erdkunde-Unterricht beigebracht hatte.

“Oh, der Hoover Dam,” ertönte es jetzt links von mir. Ein auch nach der Hochzeit-in-Las-Vegas-mit-Elvis-Presley-und-allem-drum-und-dran immer noch ziemlich frisch verliebtes Pärchen schwelgte offensichtlich in Erinnerungen und wollte auch andere daran teilhaben lassen. Die Köpfe gegeneinander geneigt, um zu zeigen, dass man zusammengehört, nicht im Traum daran denkend, dass hinten auch noch Leute sitzen, denen dadurch das Sehen erschwert wird, erklärten sie sich gegenseitig, was wo zu sehen ist. “Schau mal, dort, der Lake Mead. Und dort haben wir unser Auto parkiert.” Sagt’s und streckt doch tatsächlich ihren Zeigefinger deutlich in meinen linken Sehbereich, gemeinhin bekannt als “Augenwinkel”. Ich konnte mich nicht mehr auf den Film konzentrieren. Mir gingen Worte wie “Sehbereichs-Invasion” und “Filmkommentar-Schmerzgrenze” durch den Kopf, und ich sah, dass es Kevin nicht besser ging.

Es wurde immer schlimmer. Jedes Mal, wenn mit zarathuströser Dolby-Surround-Musik eine gewaltige Einstellung auf die Leinwand gezaubert wurde, entluden sich die gestauten Emotionen des Publikums in Worten wie “wow”, “unglaublich” oder dem typisch schweizerischen “heyeyey”, gefolgt von “hast du gesehen”, “Wahnsinn, he” und “da waren wir auch, weißt du noch?”

Wenn Walter noch leben würde, dachte ich für mich, der würde bestimmt aufstehen und in den Saal hinein rufen:

“Ruhe! Natürlich haben wir es alle gesehen! Wo sollen wir denn sonst hinschauen, Ihr verdammten Trottel? Das da ist eine Großleinwand! Und wenn jetzt noch einer die Idee hat, irgend jemandem diese Bilder zu erklären, dann lasse ich ihn persönlich von den Sicherheitskräften abführen. Wenn Ihr diesen Film emotional nicht bewältigen könnt, ohne die Klappe aufzureißen, dann bleibt bitte in Zukunft zu Hause!”

Und ich hätte mich in meinen Sessel verkrochen, so getan, als kennte ich Walter nicht, und den Rest des Films genossen, heimlich über die Tatsache triumphierend, dass ich so einen mutigen Menschen zum Freund habe. Doch Walter, wie Sie wissen, ist leider verstorben. Ich saß neben seinem Sohn Kevin. Und den lernte ich in den nächsten Minuten erst richtig kennen.

Kevin stand nämlich auf und kämpfte sich mit einem höflichen “Entschuldigung” und mit dem Gesicht zu den Leuten, wie es sich nach Knigge gehört, und nicht mit dem Hintern, an mir und den anderen Zuschauern unserer Sitzreihe vorbei. Ich vermutete Harndrang und wandte mich wieder der geballten Natur auf der Leinwand zu, da sah ich jemanden vor der Leinwand stehen. Kein Zweifel, es waren Kevins Umrisse. Und jetzt kam noch Kevins Stimme dazu:

“Meine Damen und Herren, ich muss mich entschuldigen. Ich habe erst jetzt erkannt, dass es sich hier nicht um eine Filmvorführung handelt, sondert um eine Je-Ka-Mi-Veranstaltung. Bitte verzeihen Sie, dass ich so lange geschwiegen habe und erst jetzt meinen Beitrag zum Gemeinwohl beisteuere. Ich bin sicher, dass nicht alle von Ihnen Bescheid wissen über das so genannte Todd-AO-Verfahren, das solch spektakuläre Bilder überhaupt möglich macht. Lassen Sie mich Ihnen das kurz erklären…”

Nachdem die ersten Zuschauer gemerkt hatten, dass es sich hier nicht um einen IMAX-Funktionär mit offizieller Störbewilligung handelte, wurden die ersten “Pschscht”-Rufe laut. Aber Kevin ließ sich nicht beirren.

“Das Todd-AO-Verfahren verwendet einen Filmstreifen von siebzig Millimetern, jedoch im Querformat, so dass wir also eine Breite von siebzig Millimetern und eine Länge von…”

Weiter kam er nicht. Die empörten Rufe der Kinobesucher wurden so laut, dass sie Kevin übertönten. Das tumultartige Treiben wurde auch von den IMAX-Funktionären bemerkt, und es war eine Frage der Zeit, bis Kevin von zwei Security Guards abgeführt wurde. Ich kämpfte kurz mit mir, entschied mich dann aber doch für die Solidaritäts-Variante und beeilte mich, das Trio einzuholen.

Ich fasse mich kurz: Wir brauchten eine geschlagene Stunde, um den zuständigen Personen beizubringen, dass wir nicht randaliert hatten und auch nicht geistesgestört sind.
“Sagen Sie selbst,” sagte ich zum stellvertretenden Vize-Direktor Publikumsgeschäft IMAX Süd, “waren Sie noch nie in einer Vorstellung und haben sich über das störende Geschwätz geärgert?”
“Doch, aber das ist noch lange kein Grund…”
“Ja, dann tun Sie doch etwas dagegen!” unterbrach ich ihn. “Sie schaffen es ja auch, uns von klingelnden Yankee-Doodle-Handys zu verschonen, warum lassen Sie im Vorspann nicht folgenden Text laufen:

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer
In diesem Film kommt unter anderem der Hoover Damm vor. Wir sind uns bewusst, dass etliche von Ihnen schon einmal dort ihr Auto geparkt haben. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass nicht jeder im Saal das wissen möchte. Und wenn Sie es emotional verkraften können, warten Sie bitte mit Kommentaren wie “Wahnsinn” und “hast du gesehen” bis nach der Vorstellung. Wir haben für Sie eine Lounge eingerichtet, wo Sie unter Aufsicht von geschulten Psychologen die Eindrücke emotional verarbeiten können. Vielen Dank!

Kaum zu glauben, aber dem Vize entschlüpfte ein Lächeln. Und da heute Sonntag war, hatte er offenbar auch keine große Lust, daraus eine Riesensache zu machen. Nachdem wir ihm glaubhaft versichert hatten, dass weder Selbst- noch Fremdgefährdung bestehe, ließ er uns laufen.

Als wir an der Kasse vorbei kamen, war die Dame, die ihrem Sohn alle fünf Sekunden ein Update ihres emotionalen Zustandes geliefert hatte, immer noch am Verhandeln. Sie wollte ihr Geld zurück, weil sie sich “massiv gestört” gefühlt habe. Kevin ging ganz nah an der Kasse vorbei und ließ die Worte fallen: “Ihr Gefühl täuscht Sie nicht. Sie sind massiv gestört.”

Doch bevor die gute Frau ihrer Empörung Luft machen konnte, riss ich Kevin in Richtung Ausgang. Ich hatte wirklich keine Lust, den restlichen Sonntag Nachmittag im Gefängnis zu verbringen.

Erst als wir uns in Sicherheit fühlten, entfaltete Kevin den Zettel, den ihm der IMAX-Vize zum Abschied in die Hand gedrückt hatte. Da stand: “Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Sie in unserem Filmtheater nicht mehr bedienen können.”

“War das wirklich nötig?” fragte ich im Ton eines verzweifelten Sonderschul-Lehrers, der sich viel auf seine modernen Unterrichtsmethoden einbildet und manchmal doch daran zweifelt, ob die Welt so einfach zu flicken ist, wie er einmal gemeint hat.

“Dieser Zettel, ob der nötig war?” erwiderte Kevin gelassen. “Nein, der war nicht nötig. Ich gehe da freiwillig nicht mehr hin.”